Teilzeit bedeutet nicht das Karriere-Aus
Manchmal fühlt sich Marlene M., Mutter von zwei Grundschul-Kindern, wie eine Figur aus einer Spielesammlung, die gleichzeitig auf verschiedenen Spielbrettern tanzt - und die überall ihr Bestes gibt, um zu gewinnen. "Perfekte Mutter" heißt das eine Spiel. "Funktionierender Haushalt" das andere. Ein drittes Spielbrett nennt sich schlicht "Karriere trotz Teilzeit". Das Ziel: Gleiches leisten in weniger Stunden.
Das Dumme dabei: Überall mitmachen und siegen - das funktioniert selten. Und so bleibt die Anerkennung für die Leistung oft aus. Vor allem im Beruf. Abrackern in einer Teilzeit-Stelle - das bedeutet meist: Etwas dazuverdienen. Und dafür alles zu geben.
Hintergrund: Mütter stecken beruflich zurück
Teilzeit gerät oft zur Falle - und es sind die Frauen, die hineintappen. "Sobald ein Paar ein Kind bekommt und zur Familie wird, beobachten wir nach wie vor eine Re-Traditionalisierung", erklärt die Vorstandsvorsitzende des "Verbandes berufstätiger Mütter", Frauke Spreckels. "Ungewollt wird aus einem Paar, das sich Familie und Beruf teilen möchte, die moderne Variante der Zuverdiener-Ehe. Väter haben die längsten Arbeitszeiten, Mütter stecken beruflich zurück."
Im Jahr 2008 arbeiteten fast fünf Millionen Menschen in Teilzeit. 90 Prozent davon waren Frauen, so das Bundesamt für Statistik. Mehr als die Hälfte von ihnen übte die Teilzeit-Tätigkeit deshalb aus, weil sie Kinder oder pflegebedürftige Familienmitglieder betreuten.
Teilzeit hat wenig Karriere-Potenzial
Weniger Verdienst
Weniger Arbeit - das bedeutet auch: Weniger Verdienst. Im Jahr 2007 verdienten Frauen pro Stunde im Schnitt 23 Prozent weniger als Männer. Ein wesentlicher Grund: "Frauen gehen deutlich häufiger einer Teilzeit-Arbeit oder einer geringfügigen Beschäftigung nach als Männer", so das Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Und die sind eben schlechter bezahlt. Viele Frauen bleiben deshalb finanziell abhängig von ihren Männern. Eine Abhängigkeit, die auf dünnes Eis führt - wird doch mittlerweile etwa jede zweite Ehe geschieden.
Schlechte Karriere-Chancen
Flexibel, dynamisch, innovativ: So wünschen sich Arbeitgeber ihre Mitarbeiter. Leider mangelt es ihnen selbst oft genau an diesen Eigenschaften: Nach wie vor vergeben sie nämlich anspruchsvolle Arbeit, mit der sich profilieren lässt, lieber in Vollzeit. "Hinter dem massiven Widerstand gegen Teilzeit-Arbeit auf der Führungsebene stehen tief verankerte Wertvorstellungen: Von den Führungskräften wird eine uneingeschränkte Präsenz verlangt", sagt Marie-Therese Herbers, Geschäftsführerin des Beratungsservice "Qualifizierte Teilzeitarbeit" in Oldenburg.
Die Teilzeit-Arbeit, die Arbeitgeber einrichten, beinhaltet dagegen selten Karriere-Potenzial. "Elternschaft führt am Arbeitsplatz zur Schwächung der zugeschriebenen Kompetenz, der übertragenen Verantwortlichkeiten und der Aufstiegschancen im Unternehmen", so die Konrad-Adenauer-Stiftung in seiner Studie "Eltern unter Druck".
Viel Zeit-Einsatz
Wer eine Teilzeit-Tätigkeit ausübt, arbeitet zwar weniger, aber unentgeltlich mehr. Der Grund: Die Arbeitszeit wird optimal ausgenutzt. Zum Zahnarzt während der Arbeitszeit? Wohl kaum. Fünf Minuten eher gehen? Wer traut sich schon, danach zu fragen? "Im Gegenteil: Meist bin ich eine halbe Stunde länger im Betrieb", berichtet eine Büroangestellte. "Sonst schaffe ich es gar nicht, alle meine Aufgaben zu erledigen. Zwar wurde meine Arbeitzeit halbiert, von meinen früheren Aufgaben habe ich aber zwei Drittel übernommen." Eine halbe Überstunde täglich mehr: Das bedeutet bei einer Halbtagstätigkeit gleich 12,5 Prozent mehr Arbeitszeit - unbezahlt, versteht sich.
Darüber hinaus schlagen auch die An- und Abfahrt zu Buche: Wer eine 20-Stunden-Woche hat und eine Stunde täglich zum Unternehmen hin- und zurückfährt, der verbringt 20 Prozent der Zeit, die er für seinen Beruf aufbringt, auf der Straße.
Von Sigrid Schulze, Veröffentlicht unter anderem auf http://www.frauenzimmer.de


